Im Reich der Lichter


Unter der Himmelleiter Frischs träumt kein Jakob mehr, steigen keine Engel mehr auf und ab. Aber dennoch wird durch dieses Zitat der Zyklus mit dieser abendländischen Tradition in einen Zusammenhang, als eine ferne Replik, als langsam verblassender Mythos gebracht.


Seine eigentliche Materialität hat das Stroh in anderen Bildern eingeprägt. Wenn man es nicht weiß, ahnt man auch kaum, dass oxydierte Eisenpartikel malerische Qualitäten entwickeln. In dem Bild „Figuren des kaiserlichen Schnitzers“ – auch hier wieder ein Titel, der ganze Assoziationsketten auslösen kann – werden zerbröselte und verbrannte Pflanzenbestandteile zusammen mit Bindemittel wie Farben auf die Leinwand aufgebracht, verlieren ihren Charakter, erzeugen aber ganz eigene Effekte. Warme, weiche pelzig wirkende Strukturen entstehen, oxydierte Rostspuren der in die Fläche verbrachten Eisenpartikel sind zu erkennen. Die Figuren selbst bleiben schemenhaft, unbestimmt, zerbrechlich. Sie scheinen sich in einem Transformationsprozess zu befinden, in einem Übergang, Schattenwesen – ein Totentanz?

Auszug aus einer Laudatio von Armin Schmitt


Noch ein anderer Aspekt ist mir bemerkenswert: Frisch nennt diese Zyklus „Himmelsleiter“. Ein zufälliger Titel? Eine spontane Assoziation des Künstlers? Eine bedeutungsvolle Aufladung des Bildes, mit der er augenzwinkernd unser Bedürfnis nach Deutungsschwere stillt? Vielleicht auch tatsächlich eine Wegmarke für den Betrachter, die Öffnung eines Assoziationsraumes für den Betrachter? Sicher ist nur: Durch den Titel – Himmelsleiter - wird ein häufiges Motiv der Kunstgeschichte zitiert, dargestellt beispielsweise auch von Chagall auf den Glasfenstern in der Metzer Kathedrale. Die Himmels- oder auch Jakobsleiter spielt auf den Patriarchen Jakob an, dem sie im Traum erschien. Sie ist der Auf- und Abstieg zwischen Erde und Himmel, den Jakob laut Gen 28,11 während seiner Flucht vor Esau von Beerscheba nach Haran in einer Traumvision schaut. Auf ihr sieht er Engel, die auf- und niedersteigen, oben aber den Herrn selbst, der sich als Gott Abrahams und Isaaks vorstellt und die Land- und Nachkommenverheißung wiederholt.
Himmelsleiter
Mischtechnik auf Leinwand
30 x 90 cm.
Himmelsleiter III
Mischtechnik auf Leinwand
30 x 150 cm. 2009
Himmelsleiter II
Mischtechnik auf Leinwand
30 x 150 cm. 2009
Himmelsleiter IV
Mischtechnik auf Leinwand
30 x 150 cm. 2009
Im Reich der Lichter
Mischtechnik auf Leinwand
40 x 145 cm.            2009
Sentimentales Stück
Mischtechnik auf Leinwandblock 80 x 60 x 7,5 cm. 2009
Animals - go to die
Mischtechnik auf Leinwand
70 x 150 cm. 2009

Die Materialbilder sind Arbeiten, die entweder ganz aus Object-trouve – ein Buch, Naturreste, Papier - komponiert sind oder die solche Elemente enthalten und die dadurch die Tafelmalerei um eine plastische Qualität erweitern. Letzteres trifft auf den Himmelsleiter-Zyklus zu. Gemeinsam ist ihnen das hohe schmale, die Senkrechte betonende Format. Auf einer farblich gestalteten Fläche sind in einer langen senkrechten Reihung Grasrohrstücke geklebt. Sie sind flüchtig und hastig mit Weiß übermalt, wodurch das blasse Naturmaterial verfremdet und an Leuchtkraft gewinnt. Auch scheinen sie ohne große Sorgfalt geklebt: die Rohre sind unterschiedlich lang und bar jeder Akkuratess. Formal wachsen sie mehr oder weniger stark aus der Bildfläche heraus, gewinnen an Struktur in der Bildmitte, verlieren sich an den Rädern. Jedes Bild des Zyklus akzentuiert eine andere Qualität: Mal ist die Stabilität betont, mal der Zerfall, mal zeigt sich Kompaktheit in der Mitte der Struktur, während an den Enden Auflösungserscheinungen deutlich werden, mal scheint die Struktur in sich zusammenzufallen, oder befindet sich in einem bedenklichen Gleichgewicht. Gleichzeitig ergibt sich ein mehr oder weniger intensiver Kontrast oder Dialog mit den Farbflächen des Hintergrunds.


Die Bilder sind in erster Linie ein kontrastreiches Spiel der Formen, dem Kontrast der Reihung waagerechter Linie und der aufstrebenden Senkrechten, den Farbflächen des Hintergrunds und den „Grasrohrleitern“, deren zerbrechliche Struktur an die vielen brüchigen Figuren erinnert, denen man in vielen Arbeiten Frischs immer wieder begegnet.

Figuren des kaiserlichen Schnitzers
Mischtechnik auf Leinwandblock 80 x 60 x 7,5 cm. 2009
Reise nach Anda
Asche und Eisenstaub auf Leinwandblock
80 x 60 x 7,5 cm. 2009
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Himmelsleiter VI
Mischtechnik auf Leinwand
30 x 90 cm. 2009
Laudatio von Armin Schmitt als PDF Datei