Blueht-all-da

Blüht all' da

von Armin Schmitt September 2002


Das Thema

Seit Anbeginn steht sie im Mittelpunkt: Schon in den ältesten Felsmalereien tritt sie uns entgegen: die menschliche Figur. Seither entfaltet sich dieses große Thema der europäischen Kunst in immer neuen Variationen und Menschenbildern, tritt in der Antike in sublimer Ästhetik idealisiert hervor, verflüchtet sich im frühen Mittelalter, kehrt wieder in realistischer Deutlichkeit im Quattrocento, um sich seit gut einem Jahrhundert erneut zu entfernen in das Fragmentarische und Umgestaltete bei Rodin, in das Fratzenhafte und Entfremdete bei Bacon, in das das Zeichenhafte bei Giacometti, in die abstrakte Form bei Henry Moore, um nur einige Künstler zu nennen, die zufällig einfallen.


Die menschliche Figur ist auch Thema bei Christoph M Frisch, seit er nach seiner Ausbildung angefangen hat zu malen – ein Autodidakt im besten Sinne des Wortes. Immer wieder Figuren, und doch immer wieder neu. Wie der bekannte Maler des japanischen Farbholzschnittes Katsushika Hokusai, der den Berg Fushi in einer Vielzahl von Ansichten wiedergegeben hat, um sich immer mehr seinem Wesen anzunähern, wie Morandis Stillleben mit Gefäßen, die zu betrachten man nicht müde wird, weil sie immer wieder neu anmuten, andere Perspektiven zeigen, immer wieder überraschen.


So verhält es sich auch mit den Figur-Erfindungen Frischs, egal ob er sich als Maler oder als Plastiker betätigt. Mit jedem Bild entwirft Frisch die menschliche Figur neu. Mal dominiert sie den Vordergrund oder steht im Spannungsverhältnis zum gestalteten Hintergrund, mal bleibt sie schemenhaft eingebunden in ihrer Bildumgebung, kann sich kaum lösen, wirkt wie ein schatten, mysteriös, archaisch, statuarisch. Bisweilen ordnet er sie zu größeren Kombinationen, stellt Beziehungen zwischen ihnen her, ordnet sie zu Gruppen, exerziert in einem Bild unterschiedliche Haltungen und Positionen durch, lässt Menschenkaskaden durcheinanderpurzeln – Stürze ins Bodenlose, Höllenstürze – wie in dem Bild „Versunkene Götter – oder Das Aquarium“ - ordnet sie zu Zeichen, die man wie japanische Schriftzeichen lesen möchte. Manchmal wirbeln sie sich auf, schälen sich heraus aus ihrer Umgebung und stecken doch noch in ihrem Kokon, mumienhaft, archetypische Gestalten, entfernte Erinnerungen an Hirten, antike Statuen, etruskische Ikonen. Sie wirken oft, als wären sie noch nicht fertig, fragmentarisch, fremd. Manchmal stellt sich der Eindruck ein, als würden wir an ihrem Entstehungsprozess gerade teilnehmen, als träten sie uns, wenn wir nur etwas abwarten, deutlicher entgegen, um sich dann aber noch mehr zu verflüchtigen. In jüngeren Arbeiten treten sie uns häufiger vereinzelt gegenüber, als überlängte Figuren, Zwitterwesen, Metamorphosen, als späte Nachfahren von Daphne und Cyparrisus.


Titel | Gestaltungsprozess

„Blüht all' da“ lautet der Titel der Ausstellung. Eine enigmatische Formel? Ein passendes Bild für das Organische einiger Figuren, ihr Oszillieren zwischen Form und Formlosigkeit? Unordnung und Ordnung? Ein an wen auch immer gerichteter Appell? Ein Titel, in dem sich der Optimismus des Künstlers niedergeschlagen hat? Alle diese Assoziationen sind richtig und doch falsch, denn der Titel verweist auf das ästhetische Prinzip. Er hat eine lange Genese:


Der Musikliebhaber Frisch – Musik begleitet ihn auch bei der Arbeit – begann vor einigen Jahren mit der Übermalung der kompletten Johannes-Passion von Johann Sebastian Bach. Er riss eine beliebige Textpassage für Solo- oder Chorstimme willkürlich aus der Partitur, collagierte sie in die Malfläche und ließ sich davon zu neuen Bild- und Titelfindungen inspirieren. Die Noten, die Form des Partiturfragments, unbewusste Hör-Erinnerungen oder unmittelbare Hörerfahrungen steuerten den Gestaltungsprozess mit. Manche Partiturfragmente waren später gar nicht mehr erkennbar, begraben unter Farbschichten und Figuren, in anderen Bildern konnte man noch spärliche Reste von Notensequenzen, Wörtern ausmachen.


So ist der Ausstellungstitel „Blüht all' da“ einem der Bachtitel entnommen und steht nun heute, ohne überhaupt das angesprochene Blatt zu zeigen, diesem Figurenreigen vor. Der Rückgriff auf Stimulantien – seien es Kompositionen oder saeien es literarische Texte – ist ein häufiges Verfahren, mit dessen Hilfe Frisch den kreativen Prozess in Gang setzt: Sie sind seine energetischen Quellen. So sind schon ganze Zyklen entstanden in Auseinandersetzung mit den „Blumen des Bösen“ von Baudelaire, den Joseph-Büchern Thomas Mann oder die Bildmappe „Steine“ zu Texten des inzwischen verstorbenen Freundes Gerhard Stebner. Nach Illustrationen wird man jedoch vergeblich suchen. Die Bilder werden immer zu etwas Eigenem, wen auch der Ausgangstext, die Ausgangsmusik immer in irgendeiner nicht mehr nachvollziehbaren Weise eingegangen sein müssen. Diese Vorgehensweise ist sicherlich der Methode des Informels verwandt, wobei man aber berücksichtigen muss, dass Frisch wesentlich länger an einem Bild arbeitet, bis die endgültige Form gefunden ist.


Und haetest keine Macht ueber mich
Und hättest keine Macht über mich
Mischtechnik auf Notenblatt

Die Dominanz der Form

Der Titel „Blüht all' da“ ist also mehr oder weniger ein Produkt des Zufalls, ein gestalterisches Prinzip, das Frisch ganz bewusst in der Bildfindung integriert. Sein Motiv ist nicht – im Unterschied etwa zu Hokusai – das Wesen de Sujets zu erfassen, einen künstlerischen Entwurf zum modernen Menschenbild zu formulieren. Sein Thema ist die Form, der lange Prozess der Formwerdung des Bildes, bei dem Spontanität und Automatismen eine bedeutende Rolle spielen. Damit verortet er sich in eine bedeutende Tradition der klassischen Moderne, die André Breton in den zwanziger Jahren in seinem berühmten „Surrealistischen Manifest“ mit der Proklamation der „ecriture automatique" – dem mehr oder weniger unterbewussten Diktat der Seele – auf den Begriff brachte. Achtzig Jahre später erweist sich dieser Automatismus, diese „peinture automatique“, als eine künstlerische Gestaltungskraft immer noch als nützlich.


Nicht nur haben viele Bilder eine fast sur-reale, über-reale Aura, auch die eben angesprochenen Automatismen werden in dem langen Gestaltungsprozess deutlich, der jedem der großformatigen Bilder zugrunde liegt: Das jeweilige Thema findet frisch im kleinen Format, in kleinen, oft nur wenige Zentimeter große Skizzen, die in flüchtigen seriellen Prozessen in Tusche oder Gouachen oft in großer zahl entstehen. Viel später, Stunden, Tage, Wochen wählt Frisch aus diesen Miniaturen ein Motiv aus, das ihm besonders gut gefällt. Dieses überträgt er nun auf die große Leinwand; auch dies ein langwieriger Prozess von Suchen und finden, bewusstem Gestalten und Zufällen. Die Fläche wird grundiert, darüber legt er weitere Farbflächen. Figuren entwickeln sich allmählich, lösen sich aus dem Hintergrund, oder werden freigelegt durch Wegkratzen oberer Farbschichten: Kratzspuren, an die Grattage-Technik Max Ernst erinnernd, Fragmente verworfener Figuren, noch erkennbare frühere Bildentwürfe sind Zeugen dieses Prozesses. Sie sind kein dekorative Accessoires, sondern Arbeitsspuren, die den Entstehungsprozess des Bildes reflektieren. Schicht legt sich über Schicht, Formen und Farben werden fortlaufend korrigiert und revidiert. Diese sichtbar gelassene Dialektik von Zerstörung und suche nach neuer Form wir niemals geleugnet, sondern als wesentliches Kompositionselement integriert. Zum fertigen Bild führt nur die ständige Auseinandersetzung mit den vorläufigen Strukturen aus Formen, Farbflächen und Linien.


In technischer Hinsicht bevorzugt Frisch Eitempera für die großformatigen Bilder, denen er aber andere Materialien beimischt, sodass eine aufgeraute, oft reliefartige Oberflächenstruktur entsteht. Eitempera-Farben stellt er sich aus Farbpigmenten und Eiweiß selbst her. Bei kleineren Formaten greift er eher, darauf wurde schon hingewiesen, zur Tusche und Gouache.


Aschenhaupt

Aschenhaupt

Eitempera auf Leinwand 

40 x 145,5 cm |

2001

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Einzelbesprechung

Aus dem ockerfarbenen Bildhintergrund windet sich eine Figur heraus, dreht sich wie eine Spirale nach oben, scheint fast den engen Rahmen sprengen zu wollen und verdichtet sich oben zu einer menschenähnlichen Form, die jedoch in der Andeutung verbleibt. Die vertikale Dynamik wird noch verstärkt durch die weißen Farbbänder, die nach oben streben, die Figur aber gleichsam aber zu fesseln und zu binden binden scheinen, gleichzeitig aber auch zerschneiden drohen. Die Bindung wird noch verstärkt durch das Fehlen der Arme. Tentakelförmige Strukturen greifen aus, scheinen im Bildraum zu schweben und setzen so einen fragilen Kontrast zu der Figur, an deren Metamorphosen der Betrachter gerade teilnehmen scheint. „Aschenhaupt“ hat Frisch dieses Bild genannt, eine freie Assoziation, die sich Frisch während des Malens als Arbeitstitel aufdrängte und nun den Betrachter zum freien assoziieren verführt, verweist er doch auf Trauer, Tod, auf Feuer und Hitze, die tatsächlich durch die Verwendung vorwiegend warmer Farbtöne gleichsam zu spüren ist.


Imperator
Imperator

Eitempera auf Leinwand
40 x 145,5 cm
2001

Ohne Titel
Ohne Titel

Eitempera auf Leinwand
40 x 145,5 cm
2001


Ein ähnliches Bildmotiv wird deutlich in dem Bild „Imperator“: Auch hier entsteht der Eindruck einer Metamorphose, die Figur wirkt mumienhaft, archaisch. Auch hier steht die Figur, die sich aus Rot-, Blau- und Gelbtönen aufbaut vor einer ockerfarbenen Umgebung. Nur wirkt sie weniger fragil als „Aschenhaupt“. Diese Wirkung entsteht vor allem durch die blockhaftere Körperlichkeit und durch die Verwendung der roten Farbe, wodurch die Figur eine viel stärkere Präsens erhält, was den Titel rechtfertigt.





Nachen II

Nachen II

Eitempera, gemahlener Marmor, Pigment auf Leinwand
150 x 130 cm
1997

In diesen Bildern ist Frisch ganz der Maler, der seinen Figuren aus den Farbflächen gewinnt. Einen anderen Weg beschreite er im großformatigen Bild „Nachen II“, in dem das grafische Element dominant ist. Auch das Nachen-Motiv ist ein spontan gefundenes Thema, das er im Zusammenhang mit der Lektüre eines Buches von Salman Rushdie* fand. Mit diesem Sujet hat er sich inzwischen schon mehrfach malend und plastisch gestaltend auseinandergesetzt.


In diesem Bild hat Frisch die Unterfläche zunächst mit Blautönen, denen Marmorpulver beigemischt war, bemalt, wodurch ein feinkörniger Malgrund entstand, der beim Nähertreten deutlich erkennbar wird. Darüber legte er Schichten aus hellen Ockertönen, die in sich eine unruhige Fläche erzeugen. In diese Flächen sind nun in einer Art Sgraffito-Technik Strukturen hineingekratzt und gezeichnet, so dass die darunter liegenden Farbflächen zum Vorschein kommen:


Der fragil wirkende Nachen entwickelt sich diagonal durch das Bild, nimmt an der oberen rechten Bildhälfte fast unentschlossen seinen Anfang, um sich dann zum anderen Ende hin zu mehr Kompaktheit und Körperlichkeit zu entwickeln und schließlich in einem Menschenkopf zu enden. Zur Unterseite hin scheinen dem Nachen transparente Flügel angesetzt zu sein, während auf der anderen Seite spontane Kratzspuren den Bildhintergrund strukturieren.


Sie erkennen sofort: Erwartungen, die der Titel „Nachen“ auslöst, werden enttäuscht. Vergeblich sucht man das Blau des Wassers, die kompakte Form eines Bootes, das sicher auf dem Wasser ruht. Die herausgekratzte Form erweckt eher den Eindruck der Zerbrechlichkeit, des Auseinanderfallens, vielleicht auch noch des Schwebens, ein Eindruck der noch am ehesten mit dem ruhigen dahingleiten eines Nachens auf dem Wasser in Einklang zu bringen wäre.





Befragung eines Kriegers

Befragung eines Kriegers

Eitempera auf Leinwand

40 x 50 cm |
2000

Private Kunstsammlung

Es gibt keine unmittelbare Entsprechung zur Wirklichkeit mehr, weder hinsichtlich des Bildinhaltes noch hinsichtlich des Titels. Assoziationen verschiedenster Art stellen sich ein: Schwebt hier ein kosmisches Gefährt durch den Raum, entfalten sich Sonnensegel? Oder handelt es sich gar um eine Variation über das Ikarus-Motiv? Auch Assoziationen an einen Schmetterlingskokon, an ein mumienartiges Wesen sind denkbar. Der Kopf am „Bug“ erinnert vielleicht an eine Gallionsfigur. Die Bilder Frischs – der „Nachen II“ bildet keine Ausnahme -, sind nicht in Eindeutigkeit zu überführen. Der Inhalt ist sekundär, im Vordergrund steht das freie Spiel der Farben und formen, die sich, so spannungsreich sie oft gegeneinander gesetzt sind, doch immer ausgewogen und harmonisch wirken.


Die Begegnung mit den Bildern Christoph M Frischs sind ein sinnliches Farb- und Formerlebnis. Dadurch, dass die Arbeiten im Angedeuteten, im Unkonkreten bleiben – ohne abstrakt zu sein – eröffnen sich dem Betrachter aber auch, wenn man so will, eigene Gestaltungsmöglichkeiten: Die Bilder werden zu Assoziationsräumen für die eigenen Gedanken, Gefühle und Fantasien. Der Betrachter wird zum Mitschöpfer, indem er vielleicht die sich oft schemenhaft abbildenden Figuren zu enträtseln versucht, weiterdenkt, Geschichten erfindet oder sich einfach nur am Widerstreit der Formen und Farben erfreut. Die Bilder sind entstanden in einem Prozess der spontanen Reaktion auf vorhandene Formen und Farben und ich kann sie nur ermuntern, diesen Prozess fortzusetzen in ihrer eigenen Annäherungen, den Spurrillen der Entstehung zu folgen und den eigenen Assoziationen, der eigenen Spontanität und den zufälligen Gedanken Raum zu geben, sich eine Zeitlang lenken zu lassen von den Formen und Farben, wie sie uns aus den Bildern Frischs zufallen.


Neben der Wahrnehmung der glühenden Sinnlichkeit der Farben liegt für mich in der spontanen Annäherung, in der freien Assoziation vor den den Bildern, in der reception automatique der Reiz seiner Arbeiten.



Anmerkungen: * Salman Rushdie - Mitternachtskinder -1981



Und haben nichts im Verborgenen

Und haben nichts im Verborgenen
Mischtechnik auf Notenblatt

Ohne Titel
Ohne Titel
Mischtechnik auf Notenblatt
Von Stimmen hinter der Wand

Von Stimmen hinter der Wand

Mischtechmik auf Karton

60 x 80 cm

2000